Von Mäusen und Knöpfen

Ich war in sämtlichen größeren Kaufhäusern von Hannover. Bei Karstadt gibt es eine riesige Auswahl von Plüschtieren. Die meisten sogar recht niedlich. Auch Mäuse gab es reichlich. In rosa und in gelb und wer hätte es gedacht – einige wenige Exemplare sogar in mausgrau. Die sehen sogar recht natürlich aus. Von der Größe mal abgesehen. Das was die dort als Mäuse so anbieten, sind meines Erachtens alles Ratten. Von völlig normalen Ratten, etwa in der Größe einer stinknormalen Wanderratte, über Superratten, Megaratten, bis hin zu einem erstaunlichen Exemplar einer absoluten Gigaratte. Sie misst von Nasenspitze bis zum Schwanzende ca 80 cm. Die Preise dieser „Mäuse“ differieren je nach Größe und Hersteller zwischen 6.95 EUR 149.90 EUR und , wobei die Piercingmäuse im Verhältnis am teuersten sind, nämlich die, die einen Knopf im Ohr haben.

Nun gut, das muss wohl so sein, denn fragt man einen Landwirt, warum seine Kühe einen Knopf im Ohr tragen, dann erfährt man, dass das nicht dazu da sei, dass sie auf den Bullen einen besonderen Reiz ausüben, sondern schlicht und einfach, um ihre edle Herkunft nachzuweisen (Herdbuchtiere!).

Verstehen kann ich das dennoch nicht. Zwar weiss ich, dass es einer enormen züchterischen Anstrengung bedarf, hervorragende Zuchttiere zu selektieren, um Hochleistungsrinder zu züchten und das diese Arbeit mit einem entsprechend höheren Preis zu honorieren ist. Das man diese Tiere dann kennzeichnet, z.B mit einem Knopf im Ohr, damit jeder die edle Herkunft sehen kann, das ist nur verständlich. Vergleicht man jedoch den Preis für eine ausgewachsene Kuh mit Knopf im Ohr, mit einem von Größe und Gewicht dagegen lächerlichen Stofftierchen, dann ist das Stofftier jedenfalls, sofern es natürlich einen Knopf im Ohr hat, auf jeden Fall im Verhältnis viel wertvoller. Und das, obwohl es nicht einmal Milch gibt, sondern bestenfalls verstaubt!

Nun begreife ich jedenfalls, woran die Landwirtschaft leidet. Kämen doch nur wenige Bauern auf die Idee, ihre Kühe selbst zu nähen oder gar zu stricken, so ginge es der Landwirtschaft schon viel besser und auch das BSE-Problem hätte man im Griff.

Aber zurück zur Maus. Es gibt sie natürlich gar nicht! Ich meine jetzt die Diddl-Maus. In der ganzen Spielwarenabteilung nicht! Keine einzige! Nicht einmal eine ganz kleine!

Also auf in das nächste Kaufhaus und schließlich ins Übernächste. Das Ergebnis ist dramatisch! Mit hängendem Kopf schließt man sich einer Reihe ratloser Familienväter an, die von Schwermut geplagt und ohne jegliche Weihnachtsstimmung die Stadt durchkämmen. Jeder doch irgendwie darauf erpicht, irgendwo in dieser großen Stadt ein Exemplar einer Diddl-Maus zu erstehen, ja notfalls gar zu erlegen, um dann doch wenigstens das Wildbret voller Stolz nach Hause zu tragen.

Einige Male habe ich noch schnell eine Abkürzung genommen, bin durch die Häuserzeilen gehuscht, um nicht gar zu weit am Ende der Schlange zu stehen. Aber alles half nichts! Nach dem ich mir ein neues Paar Schuhe zugelegt hatte, nicht weil ich damit schneller wäre, sondern weil ich das alte Paar heute durchgelaufen hatte, musste ich annehmen, dass die Diddl-Maus in Hannover ausgestorben war, vermutlich steht sie auch schon länger auf der Roten Liste der bedrohten Tierarten, denn fast jedes Kind, dem man in der Stadt begegnet, zerrt ein mehr oder weniger schmutziges Etwas hinter sich her, dass einer Maus nicht unähnlich ist.

Zugegeben, hier und da versucht man den Kindern einen Handel vorzuschlagen:
„Tausche deine alte Diddl gegen völlig neue Maus! Sogar in mausgrau! Notfalls auch mit Knopf im Ohr!“ Aber keiner will tauschen! Wahrscheinlich liegt es einfach an der Farbe. Mausgrau werden die schließlich irgendwann einmal von selbst! Und der Knopf im Ohr? Die Jugend weiß eben heute gar nicht mehr die eigentlichen Werte zu schätzen!

Schließlich habe ich mir ein Schild um den Hals gehängt: „Suche Diddl – zahle jeden Preis!“
Erst jetzt erkannte eine Frau in einem Spielwarengeschäft meine große Not. Sie war sich offenbar bewusst, welches Unheil mir drohte, wenn ich mit so einer Maus nach Hause käme. Offensichtlich hatte sie wohl selbst Kinder und war sich klar darüber, was mir widerfahren würde, wenn anstelle einer echten Diddl-Maus irgendein anderes Wesen den Gabentisch verunstaltete. Sie gab mir den entscheidenden Hinweis: „Das ist ein Schreibwarenartikel!“

Logisch! Wie konnte ich nur annehmen, dass jemand ohne seine Diddl-Maus auch nur ein einziges Wort schreiben könnte!
Also machte ich mich frohen Mutes auf zum nächsten Schreibwarenladen. „Diddl-Artikel führen wir nicht! Die sind zu teuer, so etwas geht bei uns nicht!“ Im zweiten Schreibwarenladen war ich dann endlich fündig. Lauter Diddl-Mäuse. Kleine, ganz kleine, sogar winzige Diddl-Mäuschen. „Große Diddl-Mäuse? Nein, die führen wir nicht.“

Enttäuscht verlies ich auch dieses Geschäft. Im nächsten Laden bekam ich den Hinweis, dass man die im Lebensmittelmarkt, nur zwei Strassen weiter führe. „Die haben sogar eine Diddl-Abteilung!“
Klar, Lebensmittel, wo sonst kann man Mäuse finden. Hätte ich mir doch gleich denken können!
Im Lebensmittelmarkt fand ich dann heraus, dass man keine Diddl-Mäuse mehr führt.

Diddl ist out – Pokemon ist in!

In einer Kleinstadt, weit ab von Hannover, in einem kleinen Schreibwarenladen (also eben doch Schreibwaren! Habe ich mir ja gleich gedacht!) gab es Diddl-Mäuse. Bis hierher hatte sich Pokemon wohl noch nicht herumgesprochen. Kleine, mittlere, ja sogar große Diddl-Mäuse.

Zuerst war ich etwas irritiert über ihr Aussehen. Nun gut, weiße Mäuse soll es ja geben. Aber diese Viecher haben ein selten dämliches Gesicht und völlig überdimensionale Füße. Zugegeben mit etwas Phantasie könnte man erahnen, dass der Hersteller dieser überdimensionalen Kreaturen vielleicht wirklich im Sinne hatte, so etwas wie eine Maus zusammen zu basteln. War aber gründlich misslungen.
Dann war ich etwas irritiert über den Preis. Der absolute Wahnsinn! Für diesen misslungenen der Darstellung einer Maus (nicht einmal mit meiner Computermaus haben die Ähnlichkeit), einen solchen Preis zu zahlen und dann noch ohne Knopf im Ohr? Aber was sein muss, muss sein. Nach zähen Verhandlungen habe ich endlich gleich ein Paar dieser Giga-Diddl-Mäuse erstanden.

Vielleicht verdiene ich mein Geld in Zukunft mit der Diddl-Mauszucht. Hoffentlich vermehren die sich schneller, als Pokemon auf die Dörfer kommt!

Zu guter Letzt habe ich denn auch noch eines dieser hübschen kleinen blauen

Höschen erstanden. Für meine Computermaus. Wenn die Diddl’s schon ein Höschen anhaben, dann soll sie schließlich nicht nackt und bloß herumliegen, so wie sie Logitech erschaffen hat.

©Martin Dieck, 2001 

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